Wenn Vincent Klink ein neues Buch veröffentlicht, bin ich hellhörig. Denn für mich ist er einer der prägendsten Maultaschen-Botschafter überhaupt. Unübertroffen das Interview, in dem er die Herstellung seiner Maultaschen so beschrieb: „Da geht‘s um Leben und Tod.“
Herrlich!
Und klar: Ein Besuch bei ihm im Gourmetrestaurant Wielandshöhe gehört zum kulinarischen Pflichtprogramm. Köstlich – und nachzulesen hier.
Klink & Klenk – kleine Verwechslungen inklusive
Eine kleine Randnotiz: Bei mir klingelte schon das Telefon, weil jemand seine Tischreservierung stornieren wollte. Ich dann: „Wir haben kein Restaurant …“
Auflösung: reserviert wurde bei Klink. Nicht bei Klenk.
Ob das an Tippfehlern beim Googeln liegt – oder daran, dass wir beide immer mal wieder in den Medien auftauchen wenn es um Maultaschen geht? Wer weiß.
Zurück zum Buch
Der Untertitel steckt den Rahmen: „Leben und Speisen im Ländle des Eigensinns.“ Und ja – das trifft es.
Denn diesen Kulturraum Schwaben zu beschreiben, ist kein leichtes Unterfangen. Darauf weist der wortgewaltige Spitzenkoch und Küchenphilosoph aus Stuttgart-Degerloch schon in seinem Prolog hin, wenn er ausführt, dass
„die Schwaben vom Wesen der Deutschschweizer nicht weit entfernt sind. Hinzu kommen die Oberschwaben, die bayerischen Schwaben, die Schwaben ‚von der Albra‘, also von einer gewissen Höhenlage. Dann wären da die Schwaben des Unterlands, vom Neckar bis nach Heidelberg, die Landschaft mit weniger steinigen Äckern, dafür mit fetten Böden in den Tälern. An den Hängen wächst jede Menge Wein, und das von mittlerweile weltmeisterlicher Qualität. Zu alldem kommt noch eine große Kraft, nämlich die der schwäbischen Frau, welche die Mannschwaben stabil hält.“

Ein sehr persönlicher Blick aufs Ländle
Das Buch ist ein sehr persönliches.
„Was hier geschildert wird, ist alles wirklich selbst erkundet und nicht durchs Internet zusammengeklöppelt, und es war mir ein großes Glück, meine Heimat einmal genauer zu betrachten.“
In dem Buch folgen rund 35 kurze, launige, abgeschlossene Erzählungen aufeinander. Meist fährt der Autor mit seinem Smart durchs Ländle. Beschreibt mal humorvoll, mal philosophisch aber immer kenntnisreich, was es im Ländle zu sehen und zu erleben gibt. Dabei verwebt er gekonnt Anekdotisches mit kulturellen, geschichtlichen und kulinarischen Themen.

Besonders schön sind solche Momente:
„Zum Glück ist Pforzen aber nicht das Ende der Welt, und so schiebt sich mein Auto an einer schmucklosen, kaum erkennbaren Metzgerei vorbei. Ich mache unverzüglich einen Nothalt und haue die Bremse rein, so dass mein Schädel fast an der Windschutzscheibe aufschlägt. Als rettende Maßnahme sind zwei bis drei Maultaschen immer willkommen, die ich mir bei dringendem Bedarf auch kalt zuführe. Die andere lebenserhaltende Speise ist ein LKW, zu Deutsch Leberkäswecken. Ob diese Kalorienbombe als spätes Frühstück die Gesundheit angreift, überlasse ich lieber der aufdringlichen Ernährungsberaterei. Ich bin der Meinung: hungern erübrigt jede Ernährungswissenschaft.“
Zwischen Reiseführer und Kochbuch
„Mein Schwaben“ ist kein klassischer Reiseführer. Und dennoch einer, der Lust macht, loszufahren.
Lorch, Pforzheim, Schwäbisch Gmünd, Tübingen – und sogar das Mercedes-Benz Museum: Man will plötzlich wieder hin. Oder endlich mal.
Klink wäre nicht Klink ohne Rezepte
Bei allem Erklären und Erzählen über Land und Leute teilt der schwäbische Starkoch zum Glück auch zahlreiche, urschwäbische Rezept-Klassiker. Die Leserinnen und Leser finden ausführliche Kochanleitungen: von Brägele, Brennsupp, Gaisburger Marsch, Schwäbischer Rostbraten, Schwäbische Kutteln, Schwäbisches Filterkraut bis hin zu traditionellen Nachspeisen wie Pfitzauf.

Das Maultaschen-Kapitel
Die Königin der schwäbischen Küche würdigt er in einem Kapitel über Beutelsbach im Remstal und die württembergischen Grafen, Herzöge und Könige. In jenem Beutelsbach kehrt er ein im Gasthaus „Adler Baach“ und bestellt Geschmälzte Maultaschen.
Das hat mich doppelt erwischt. Denn genau dort habe ich selbst schon gesessen. Und Gschmälzte bestellt.

Fazit
Ein unterhaltsames Buch mit Haltung. Mit Eigensinn. Und mit viel Gespür fürs Wesentliche.
Die Buch-Koordinaten: Vincent Klink. Mein Schwaben. Leben und Speisen im Ländle des Eigensinns, Rowohlt, 28 €, 316 Seiten
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