Man liest es hin und wieder: Die schwäbische Maultasche ist ein Kulturgut. Klingt gut. Klingt wichtig. Aber Hand aufs Herz: Was meinen wir eigentlich damit? Ist ein Kulturgut etwas, das man ins Museum stellt? Oder etwas, das man nur noch ehrfürchtig anschaut? Ganz klar: nein.

Genau deshalb lohnt es sich, diesen Begriff einmal zu erläutern und einzuordnen.

Kulturgut heißt: mehr als satt werden

Wer im Schwabenland aufwächst, weiß: Die Maultasche ist kein Essen wie jedes andere. Sie taucht nicht zufällig auf, sondern zu festen Momenten im Jahr. Denn sie ist fest im Alltagsleben und im Jahreslauf verankert. An Gründonnerstag und Karfreitag. Bei Familienfesten. An Sonntagen, an denen alle an einem Tisch sitzen.

Familienrituale Maultaschen an Gründonnerstag
An Gründonnerstag gibt es, wie jedes Jahr, Maultaschen

Sie liegt auf Tellern, aber vor allem liegt sie im Herzen. In vielen Familien werden Rezepte, Handgriffe und kleine Geheimnisse von Generation zu Generation weitergegeben. Wie dünn der Teig sein muss. Wie saftig die Füllung. Und dass man sich beim Wickeln Zeit nimmt. All das lernt man nicht aus dem Rezept, sondern durchs Zuschauen, Mithelfen, Weitergeben. Genau das ist Kulturgut: gelebtes Wissen, das von Generation zu Generation wandert.

Ein Kulturgut ist etwas, das Menschen in einer bestimmten Region über lange Zeit begleitet. Etwas, das nicht einfach konsumiert wird, sondern gelebt.

Oma Lisbeths Kladde
In dieser Kladde wird unser Familienrezept weitergegeben an die nächsten Generation
Maultaschen herstellen in der Familie
Maultaschen machen – gererationenübergreifende Handwerkkunst und Gemeinschaft

Geschichte, Humor und Identität

Ihre Wurzeln reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Der Legende nach erfunden im Kloster Maulbronn, um in der Fastenzeit „sündiges“ Fleisch vor den Augen des Herrn zu verstecken. Daher auch ihr liebevoll-frecher Spitzname: Herrgottsbscheißerle. Diese Mischung aus Frömmigkeit, Pragmatismus und feinem Humor ist typisch schwäbisch – und steckt bis heute in jeder Maultasche.

Ein Kulturgut erzählt eben immer auch etwas über die Menschen dahinter: erfinderisch, pragmatisch, mit Humor. Unverkennbar schwäbisch.

Schwäbisches Kulturgut Maultasche
Maultaschen sind kulinarisches Symbol für’s schöne Schwabenland

Für viele Schwäbinnen und Schwaben ist die Maultasche deshalb ein Stück Heimat. Sie identifizieren sich stark mit ihr – ähnlich wie Bayern mit der Weißwurst oder Italiener mit Pizza. Sie ist ein Stück Heimat. Unsere Teigtaschen stehen für regionale Identität – und für das gute Gefühl, dazuzugehören. Darüber hinaus stehen sie stellvertretend für die einzigartige Genusskultur und Lebensart in Südwestdeutschland.

Ein Stück Schwaben, das wunderbar nach Heimat schmeckt – und eine Geschichte erzählt, die so deftig, humorvoll und eigenwillig ist wie die Menschen, die sie seit Jahrhunderten formen – und verspeisen.

Stuttgarter Zeitung

Kulturgut heißt: lebendig, nicht verstaubt

Wichtig: Kulturgut heißt nicht Stillstand. Im Gegenteil. Ein echtes Kulturgut entwickelt sich weiter. Heute gibt es ein großes jährliches Maultaschen-Festival, diverse Meisterschaften und Weltrekorde, Charity-Events, Bücher (siehe u.a. mein MAULTASCHEN MANIFEST). Seit 2019 wird am Gründonnerstag der Welt-Maultaschen-Tag gefeiert.

Welt-Maultaschen-Tag

Seit 2009 ist die Original Schwäbische Maultasche als „geschützte geografische Angabe (g.g.A.)“ anerkannt. Sie darf sich nur so nennen, wenn sie auch wirklich hier hergestellt wird. Herkunft ist eben kein Marketing-Gag, sondern Teil der Identität.

Das alles zeigt: Die Maultasche lebt mitten im Jetzt. Und trotzdem bleibt sie sich treu. Vielleicht ist genau das der Kern: Ein Kulturgut ist etwas, das sich verändern darf, jedoch ohne dabei seine Seele zu verlieren.

Maultaschen sind ein Kulturgut, wegen

  • ihrer tiefen Verankerung in der Alltagskultur und im Jahresverlauf,
  • ihrer historischen Bedeutung im Schwabenland,
  • ihrer seit etwa 20 Jahren rasant steigenden Bedeutung in der Gastronomie,
  • ihrer symbolischen Kraft für regionale Identität und Stolz sowie
  • ihrer Rolle für überlieferte, lebendige Traditionen und Handwerkskunst.

Maultaschen sind für mich Handwerk, das weitergegeben wird. Familienrituale wie Maultaschen an Gründonnerstag. Meine Heimat auf dem Teller. Die Krone schwäbischer Genusskultur. Gemeinschaft und Zusammenhalt.

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