Thaddäus Troll muss korrigiert werden


Thaddäus Troll muss korrigiert werden

In seinem berühmten Werk „Deutschland deine Schwaben“ aus dem Jahr 1967 hat Thaddäus Troll eine leider berühmt gewordene Aussage verewigt, die korrigiert werden muss.

Maultaschen seien „außen pfui und innen hui“.

Der hochbegabte Wortdrechsler aus Stuttgart verstand es – wohl wie kein Zweiter vor und nach ihm – vordergründig und hinterrücks das Schwabenland mit seinen Einwohnerinnen und Einwohnern zu verstehen und zu beschreiben. Mit Herz, Liebe, kritischem Verstand.

Das wohl beste Buch über Schwaben

Leider ist sein Reim in den Jahrzehnten danach sehr häufig zitiert und aus dem Zusammenhang gerissen worden. Das „pfui“ bleibt dann eben bei vielen hängen. Maultaschen sehen nicht schön aus, so lautet ein verbreitetes flaches Urteil. Dies führt dazu, dass sich manche Restaurantbesucher gegen ein herrliches Maultaschengericht entscheiden – und wieder beim Wiener Schnitzel landen, das ja in den allermeisten Restaurants keine Offenbarung ist. Das ist das eine Dilemma. Man lässt sich was durch die Lappen gehen …

Von den Italienern lernen

Das zweite Dilemma erscheint mir noch bedeutungsvoller. „Pfui“ ist nun wirklich eine üble Herabwürdigung von gerollten oder gewickelten Teigtaschen. Betrachtet man die Teilchen nüchtern, also selbst ohne Maultaschenliebe, erscheint dies eben doch als eine literarische Fehlleistung. Damit hat der Poeta Doctus uns Schwaben ein großes faules Ei ins Nest gelegt.

Ein Italiener würde Ravioli oder Tortellini niemals derart beschreiben. Vielmehr würde er blumig ausholen darüber, wie wundervoll die Teighülle das wertvolle Innere umschmeichelt, hält, schützt. Und so weiter. Das sollten wir auch tun.

Maultaschen sind schön

Freilich und unzweifelhaft: Hans Bayer, so der Name des Autors hinter dem Pseudonym Thaddäus Troll, war einer der letzten großen Impressionisten der deutschen Sprache. Einer, der Worte, in immer neuem Umkreisen, zum Leuchten bringen konnte, wie es Walter Jens einmal ausdrückte, der große Rhetorikprofessor aus Tübingen.

Aber beim „pfui“ war er fehlgeleitet. Ein Wortspiel zu viel.

Denn Maultaschen haben meiner Meinung nach eine ganz eigene sinnliche Ästhetik, durch ihre Einzigartigkeit und Formenvielfalt. Jeder Teller sieht anders aus. Kein Gericht gleicht jemals dem anderen.

Das gilt natürlich nur für handgewickelte Maultaschen. Die von Maschinen gleichförmig an Fließbändern befüllten und verpackten Maultaschen können diese ästhetische Besonderheit naturgemäß nicht auf den Teller zaubern.

Gesamturteil von Thaddäus Troll passt

Zur Ehrenrettung von Hans Bayer muss erwähnt werden, dass er diese pfui-hui-Formulierung keineswegs als bipolares Gesamturteil bezüglich Maultaschen stehen ließ. So sagte er als Thaddäus Troll im gleichen Absatz, ganz ohne Zwischentöne, dass Maultaschen für ihn das „Spitzenerzeugnis der schwäbischen Küche“ seien.

Das versöhnt dann wieder mit diesem großen schwäbischen Dichter.

 

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